Welchen Stellenwert hat das Lawinenbulletin für die Berechnungen?

Das Lawinenbulletin hat den zentralen Stellenwert für die Berechnungen von Skitourenguru. Nur dank des vermutlich weltbesten Lawinenbulletins das in täglicher aufwändiger Detail-Arbeit und nach (vermutlich) schwierigen Diskussionen erstellt wird, können Reduktionsmethoden angewandt werden. Reduktionsmethoden stehen und fallen eben mit dem Lawinenbulletin, das sollte bei allen Diskussionen nie vergessen werden.

Darf das Lawinenbulletin auf den Einzelhang angewandt werden?

Gemäss Aussage des SLF hat das Lawinenbulletin einen hohen Generalisierungsgrad. Das heisst das Lawinenbulletin hat Gültigkeit für ein Gebiet und nicht unbedingt für einen Einzelhang. Eine Gefahrenstufe ist eine sehr abstrakte Aussage zur Gefährdung in einem Gebiet, welches sich aus stabilen und instabilen Hängen zusammensetzt. Diese sind bunt gemischt. Je grösser der Anteil der instabilen, desto höher die Gefahrenstufe. In die Gefahrenstufe fliesst zudem die Schätzung, wie leicht man einen instabilen Hang auslösen kann und wie gross eine Lawine potentiell bei aktueller Situation wird. Ein Hang ist also nicht erheblich oder mässig sondern er hat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Lawinenproblem oder eher nicht.

Darf nun eine derartige Information auf einen konkreten Einzelhang angewandt werden? Um diese Frage zu beantworten, muss unbedingt in der Phase unterschieden werden: Während der Planungsphase (Filter 1) darf bzw. muss das Lawinenbulletin auf den Einzelhang bezogen werden. Wohlverstanden diese Anwendung geschieht als Planungsspiel auf der Karte und dient der Auswahl oder Verifizierung einer Route. Es versteht sich, dass die GRM nicht einziges Kriterium sein kann! Während der Durchführungsphase (Filter 2 und 3) darf das Lawinenbulletin nicht mehr 1:1 auf den Einzelhang angewandt werden. Die Information aus dem Lawinenbulletin muss unbedingt mit der in der Region bzw. vor Ort gewonnenen Information kombiniert werden, um zu einem JA/NEIN-Entscheid zu gelangen. Mehr zum Thema findest du unter der 3x3-Regel.

Unterscheidet Skitourenguru zwischen einem "unteren erheblich" und einem "oberen erheblich"?

In verschiedenen Publikationen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass erheblich nicht gleich erheblich ist (Beispiel: "Erheblich ist nicht gleich erheblich" von Stephan Harvey). Diese Unterschiedlichkeit hat zwei Aspekte, einen qualitativen und einen quantitativen. Der qualitative Aspekt der Texte kann zur Zeit nicht genutzt werden, da die entsprechenden Modelle (leider) fehlen. Was jedoch die quantitativen Unterschiede anbelangt, so versucht Skitourenguru mittels einer Textanalyse die Gefahrenstufe feiner zu skalieren. Mehr zu diesem Thema im Kapitel Gefahrenskalen.

Bei welchen Schneemustern ist die GRM nützlich?

Das SLF beschreibt vier sogenannte Schneemuster. Die GRM ist gemäss SLF nützlich bei Neuschnee, nur bedingt nützlich bei Altschnee und wenig nützlich bei Triebschnee bzw. Nassschnee. Der Einwand kann nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen werden, v.a. hinsichtlich dem Muster Nassschnee! Ideal wäre ein Modell, das nicht nur Hangneigung, Gefahrenstufe und Fernauslösung kombiniert, sondern auch das Schneemuster einfliessen lässt. Leider steht ein derartiges Modell zur Zeit nicht zur Verfügung. Bis ein derartiges Modell entwickelt wird, bleibt nichts anderes übrig, als die GRM, so wie sie zur Zeit der Lehrmeinung entspricht, anzuwenden.

Während der Planungsphase (Filter 1) ist die GRM das zentrale Werkzeug. Zu diesem Zweitpunkt ist die verfügbare Information zum Schneemuster oft nur allgemeiner Natur. Während der Durchführungsphase (Filter 2 und 3) tritt die GRM zu Gunsten der Schneemuster in den Hintergrund. Das aktuelle Schneemuster wird allmählich offensichtlich und kann laufend in die Gesamtbewertung integriert werden.

Es gibt innerhalb der Lawinenkunde auch eine Strömung, die den Schneemuster gegenüber grundsätzlich kritisch eingestellt sind. Die entsprechenden Experten sind der Ansicht, dass Schneemuster lediglich oberflächliche Merkmale mit nur bedingter Aussagekraft für die Stabilität einer Schneedecke sind. Zudem seien die Schneemuster indirekt im Lawinenbulletins quasi eingepreist. Wenn bspw. in einem spezifischen Gebiet orkanartige Schneefälle mit den entsprechenden Triebschnee-Verfrachtungen auftraten, so wird das SLF vermutlich eine hohe Gefahrenstufe für das Gebiet ansetzen. D.h. indirekt via Gefahrenstufe berücksichtigt auch die GRM die Schneemuster.

Mehr zum Thema Triebschnee und Nassschnee findest du unter dem Kapitel Zuverlässigkeit.

Welches Lawinenbulletin wird benutzt, wenn zwei Lawinenbulletins (eines gültig für den Vormittag und eines gültig für den Nachmittag) aufgeschaltet werden?

In der Regel publiziert das SLF zwei Lawinenbulletins pro Tag, nämlich am Morgen 8.00 h und am Abend 17.00 h. Bei spezifischen Temperatursituationen (typischerweise bei erwartetem starkem Anstieg der Temperatur während des Tages) unterscheidet das SLF zudem zwischen zwei Lawinenbulletins. Eines ist gültig für den Vormittag, das andere für den Nachmittag.

Skitourenguru berechnet den Risiko-Indikator mit der Ausgabe vom Morgen 8.00 h sowie mit der Ausgabe vom Abend 17.00 h. Wenn nun das SLF zwei Lawinenbulletins publiziert (eines gültig für den Vormittag und eines gültig für den Nachmittag), dann werden die Indikatoren zur Zeit immer nur mit dem Bulletin, das für den Vormittag gültig ist, gerechnet. Das heisst aber auch, dass die Indikatoren für den Nachmittag ungültig sind.