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Zeichnug: Li Egli

Ich mache jedes Jahr einmal eine Wanderung in den Bergen, auf die ich nur Rucksack und Schlafsack mitnehme. Mehrere Tage lang gehe ich dann dort durch, wo es mir gerade gefällt, und übernachte in Heustadeln oder Schafställen, bei Sennen oder in Alpenclubhütten, manchmal auch im Touristenlager eines Berggasthofs. Auf einer solchen Wanderung kam ich einmal, als ich gegen Abend den langgezogenen Grat eines Berges hinunterschritt, zur Bergstation eines Skilifts. Es war einer jener Skilifte, die weit über die Waldgrenze hinaus führen, zu einer im Sommer völlig verlassenen Krete, über die winters sicher ein eisiger Wind pfeift, der einen sofort talwärts treibt. Als ich eine kleine Rast machte und um die Bergstation herumging, bemerkte ich, dass ein kleiner Schuppen offenstand, in welchem ein Rettungsschlitten mit einigen Wolldecken lag. Da es mir auf diesem Grat gefiel, beschloss ich, hier zu bleiben und mich für die Nacht auf dem Rettungsschlitten einzurichten. Ich kochte mir auf meiner Biwakflasche eine Beutelsuppe, schaute dem Sonnenuntergang zu und verkroch mich dann beim Eindunkeln in den Schuppen.

Als ich erwachte, begann schon der Morgen zu dämmern. Es war aber nicht das Licht, das mich weckte, sondern das Geräusch des Skilifts, der in Betrieb war. Ich konnte das fast nicht glauben, aber dennoch hörte ich deutlich, wie ein Bügel nach dem anderen klappernd um das grosse Rad fuhr. Einer schlug mehrmals an die Wand, als habe ihn soeben jemand losgelassen. Ich wickelte mich aus den Wolldecken, zog den Reissverschluss meines Schlafsacks auf, erhob mich von meinem Rettungsschlitten und trat aus dem Schuppen. Da sah ich, wie vor der Bergstation ein Mann mit raschen Griffen zwei Felle an seinen Skiern befestigte, die Skier an seine Füsse schnallte und dann auf der Grasnarbe in die Höhe zu steigen begann. „Hallo!“ rief ich ihm zu, fand aber keine weiteren Worte. Der Mann drehte sich flüchtig nach mir um. „Keine Angst“, rief er zurück, „dies ist eine Ausnahme!“ Dann stieg er, während der Skilift ächzend zum Stillstand kam, den Grat hoch, den ich gestern heruntergekommen war, und ich schaute ihm nach, bis er verschwunden war.

Kurz nach Sonnenaufgang ging ich noch einmal diesen Grat hinauf bis zum Gipfel, das Gelände war völlig schneefrei, und auf dem ganzen Berg fand ich keine Spur dieses Mannes; auch ein Paar, das von der anderen Seite heraufgekommen war und vor mir oben war, hatte niemanden gesehen, schaute mich im übrigen auf meine Frage hin recht zweifelnd an, ich muss sagen, soviel ich in der Zwischenzeit über den Vorfall nachgedacht habe, so wenig vermochte mich die Erklärung zu befriedigen, dass es sich hier um eine Ausnahme handle.

Veröffentlichung mit der freundlichen Genehmigung von Franz Hohler (E-Mail vom 10. Juli 2017)