Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

Lawinenproblem contra Reduktionsmethode?

Seit dem Winter 2012/13 kommuniziert die Lawinenwarnung des SLF die typischen Lawinenprobleme: Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee und Gleitschnee. Was die einzelnen Lawinenprobleme genau bedeuten, kann auf den Seiten des SLF nachgelesen werden. Die Lawinenprobleme haben sich als ein sehr hilfreiches Tool bei der Einzelhangbeurteilung erwiesen.

Seit der Einführung der Lawinenprobleme gab es jedoch auch eine Tendenz, die Lawinenprobleme in Opposition zu den Reduktionsmethoden zu stellen. Im Faltblatt Achtung Lawine kommt dies bspw. zum Ausdruck, indem die Grafische Reduktionsmethode (GRM) bei Triebschnee und Nassschnee als "teils nützlich" bzw. "wenig nützlich" bezeichnet wird. Einzelne Experten gehen sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnen die Reduktionsmethoden auch für Altschnee als wenig nützlich (Ausgabe #101 von BergUndSteigen). Viel bleibt da von den Reduktionsmethoden nicht mehr übrig. Es kommt fast nie vor, dass die Lawinenwarnung des SLF ausschliesslich "Neuschnee" kommuniziert. Meistens tritt dieses Problem gepaart mit "Triebschnee" auf.

Skitourenguru entwickelt seit zwei Jahren die neue, Quantitative Reduktionsmethode (QRM). Diese Methode ist der GRM sehr ähnlich, sie unterscheidet sich aber in vier Punkten:

  1. Sie basiert weitgehend auf Daten (Lawinenunfälle und GPS-Tracks)
  2. Sie basiert nicht mehr nur auf Hangneigungen, sondern auf einer umfassenden Geländeanalyse. Diese lehnt sich konzeptionell an der kanadischen Skala ATES an, unterscheidet sich aber wesentlich bei der Implementierung. Die Details sind im ISSW-Paper Method for an Automatized Avalanche Terrain Classification beschrieben. Nebst der Neigung werden auch die Hanggrösse, die Hangform und Bewaldung berücksichtigt
  3. Es wird unabhängig von der Gefahrenstufe immer der ganze Hang analysiert.
  4. Die QRM erlaubt die Ableitung von quantitativen Risiko-Relationen.

Ein Bild zur QRM findet sich unter diesem Link. Die QRM wird so kalibriert, dass sie folgenden Anforderungen genügt:

  1. Wenn das Publikum systematisch den "roten Bereich" meidet, werden 60% der Unfälle vermieden.
  2. Wenn das Publikum systematisch den "orangen und roten Bereich" meidet, werden 80% der Unfälle vermieden.

Diese sogenannten Präventionswerte bewegen sich im üblichen Rahmen. Mit der QRM können nun Präventionswerte aufgeschlüsselt nach Lawinenproblem berechnet werden. Dazu werden alle Unfälle der Winterberichte, die einen Personenbezug aufweisen, herangezogen. Neben dem Personenbezug muss auch ein Vorabend-Lawinenbulletin zur Verfügung stehen. Ausserdem dürfen die Daten der Lawine weder als unsicher noch als ungenau markiert sein. Von 3143 Lawinenunfällen der Winter 2002-2017 erfüllen 1469 Lawinenunfälle diese Kriterien. Die folgende Tabelle zeigt nun die Präventionswerte aufgeschlüsselt nach Lawinenproblem. Die Auswertung berücksichtigt alle für das jeweilige Gefahrengebiet aufgeführten Lawinenprobleme.

Lawinenproblem Grün Orange Rot Total Verzicht auf rot Verzicht auf orange und rot
Alle 273 293 903 1469 61.5 % 81.4 %
Neuschnee 9 13 120 142 84.5 % 93.7 %
Triebschnee 69 99 289 457 63.2 % 84.9 %
Nassschnee 21 32 84 137 61.3% 84.7 %
Altschnee 46 57 185 288 64.2 % 84.0 %
Gleitschnee 17 37 87 141 61.7% 87.9 %

Tab. 1: Präventionswerte (letzte beiden Kolonnen) aufgeschlüsselt nach Lawinenproblem

Die Tabelle liest sich bspw. für Triebschnee folgendermassen: Bei 457 Lawinenunfällen erwähnt das Vorabend-Bulletin das Lawinenproblem "Triebschnee". Von diesen 457 Unfällen fallen 69 auf grün, 99 auf orange und 289 auf rot. Wenn alle Wintersportler auf den roten Bereich verzichtet hätten, dann wären 63.2% der Unfälle vermieden worden. Hätten die Wintersportler auf den roten und orangen Bereich verzichtet, dann wären 84.9 % der Unfälle vermieden worden.

Die Präventionswerte liegen beim Neuschnee höher als bei allen anderen Situationen. Sonst unterscheiden sie sich kaum. Interessant ist, dass die geforderten Präventionswerte von 60% bzw. 80% bei allen typischen Lawinenproblemen erreicht werden. Diese Ergebnisse sind nicht neu. Eine sorgfältige Untersuchung von Wolfgang Behr und Jan Mersch in BergUndSteigen (Alles SnowCard, oder was?) kam ebenfalls zum Schluss, dass Reduktionsmethoden unabhängig von im Lawinenbulletin kommunizierten Lawinenproblem einen Präventionswert aufweisen.

Eine ganz andere Frage wäre die Abhängigkeit der Präventionswerte von den Lawinenproblemen im Einzelhang. Die Verhältnisse im Einzelhang entsprechen naturgemäss nicht immer den im Lawinenbulletin prognostizierten Lawinenproblemen. Daten zu den Lawinenproblemen im Einzelhang stehen jedoch nicht zur Verfügung.

Seit dem Winter 2018/19 nennt das SLF nur noch die Lawinenprobleme, welche hauptsächlich zur Gefahr beitragen (in der Regel 1 bis 2 Lawinenprobleme). Mehr zum Thema findest du im Wochenbericht vom 14. Dez. 2018 des SLF. Mit dieser Massnahme besteht Möglichkeit, dass sich in Zukunft unterschiedliche Präventionswerte je nach Lawinenproblem ergeben werden.

Fazit

  1. Die QRM erreicht bei allen typischen Lawinenproblemen die üblicherweise von statistischen Methoden geforderten Präventionswerte. Wir sind daher gut beraten, während der Planungsphase die Reduktionsmethode unabhängig von den im Lawinenbulletin kommunizierten Lawinenproblemen anzuwenden.
  2. Die Anwendung der Reduktionsmethode ist immer nur ein Teil der Tourenplanung. Bei Nassschnee steht die Zeitplanung im Vordergrund. Dennoch gilt auch beim prognostizierten Lawinenproblem „Nassschnee“, dass die meisten Unfälle durch Anwendung einer Reduktionsmethode vermeidbar wären.
  3. Nicht "genegeneinander", sondern "nacheinander": In der Planungsphase u.a. Reduktionsmethode anwenden, im Einzelhang u.a. auch Lawinenproblem bestimmen. Das Bulletin gibt einen guten Hinweis, aber schlussendlich muss das Lawinenproblem im Einzelhang selbstverantwortlich identifiziert und interpretiert werden.