3x3-Regel

1. Gefahrenzeichen und Handlungsoptionen

Lawinenauslösungen zeichnen sich durch eine hohe Komplexität und in der Folge eine hohe Unsicherheit aus. Entsprechend schwierig ist die Beurteilung des effektiven Risikos. Durch die Erforschung von Unsicherheiten sind einige Grundprinzipien abgeleitet worden, die einen erfolgversprechenden Umgang mit dem Risiko versprechen. Ein wichtiges Prinzip betont die zentrale Stellung von sogenannten schwachen Gefahrenzeichen. Solche Gefahrenzeichen werden deshalb "schwach" genannt, weil die entsprechenden Signale noch undeutlich oder eben "schwach" sind. Dieser Nachteil wird durch einen unbezahlbaren Vorteil aufgewogen: Schwache Gefahrenzeichen stehen zu einem relativ frühen Zeitpunkt zur Verfügung. Dadurch werden schwache Gefahrenzeichen immer von einer hohen Handlungsfreiheit begleitet.

Dieser Zusammenhang wird in der nachfolgenden Grafik verdeutlicht:

  • Die rote Linie zeigt die "Signalstärke" der Gefahrenzeichen. Je näher wir zur Lawinenauslösung kommen (von links nach rechts), desto deutlicher sind im Idealfall die Gefahrenzeichen.
  • Die blaue Linie hingegen verdeutlicht die "Quantität an Handlungsoptionen". Je näher wir zu den Einzelhängen (von links nach rechts) kommen, desto geringer sind unsere Handlungsoptionen.

Gefahrenzeichen

Abb. 1: Gefahrenzeichen und Handlungsoptionen

Dies soll an zwei Beispielen aufgezeigt werden:

  1. Wumm-Geräusch: Das Wumm-Geräusch ist ein starkes Gefahrenzeichen. Es spricht eine deutliche Sprache. Angenommen nach einer Gipfelüberschreitung findet das Wumm-Geräusch während der Abfahrt zwischen zwei steilen Schlüsselhängen statt, dann sind die Handlungsoptionen gering. Umkehren ist schlecht, weiterfahren ist schlecht. Ein unlösbares Dilemma, es gibt keine guten Handlungsoptionen mehr.
  2. Lawinenbulletin: Das Lawinenbulletin liegt zu einem sehr frühen Zeitpunkt vor, nämlich bereits am Abend vor der Skitour. Das Lawinenbulletin ist in dem Sinne ein schwaches Gefahrenzeichen, als dass es relativ unsicher und stark generalisiert (verallgemeinert) ist. Dieser Nachteil wird dadurch aufgewogen, dass am Abend vor der Skitour eine grosse Quantität an Handlungsoptionen zur Verfügung steht: Bspw. ist es ohne weiteres möglich die Skitour in ein ganz anderes Gebiet zu verlegen oder die Skitour wird ganz abgeblasen.

2. Die 3x3-Regel

W. Munter hat diesen Grundgedanken bereits in den 80er Jahren in seinen Arbeiten zur praktischen Lawinenkunde aufgenommen. Zu diesem Zweck hat W. Munter den Ablauf einer Skitour in drei Phasen eingeteilt. In jeder Phase geht es darum die richtigen Gefahrenzeichen zu identifizieren und so in Handlungen umzusetzen, dass in jeder Phase das Risiko vermindert werden kann.

Diese drei Phasen werden mancherorts auch "Filter" genannt, weil in jeder Phase das Risiko vermindert, gewissermassen gefiltert wird. Zum Schluss bleibt nur das Restrisiko zurück, das in seiner Grösse derart beschaffen sein sollte, dass es in einem gesellschaftlich akzeptablen Rahmen liegt.

Die 3x3-Regel wird gewöhnlich in einer Tabelle (sieh Abb. 2) dargestellt. Für jede Phase werden für die drei Themenbereiche Verhältnisse, Gelände und Mensch alle möglichen Gefahrenzeichen und Handlungsoptionen aufgelistet. Für eine detaillierte Erklärung der 3x3-Regel muss auf die einschlägige Literatur zur Lawinenkunde verwiesen werden. Eine weitere Zusammenfassung findet sich auf Bergpunkt.

Phase (Filter) Verhältnisse Gelände Mensch

1. Planung

Tourenziel mit Alternativen und Zeitplan.

  • Lawinenbulletin
  • Welches ist die Hauptgefahr?
  • Wetterprognose
  • Tourenberichte im Internet (mit Vorsicht!)
  • Weitere Quellen (z.B. Hüttenwarte)
  • Routenverlauf mit Karte planen (1:25'000)
  • Führerliteratur
  • Eigene Geländekenntnisse
  • Schlüsselstellen suchen und diese beurteilen bezüglich Neigung, Exposition und Höhenlage
  • Wer kommt mit?
  • Gruppengrösse
  • Verantwortung
  • Erwartungen der Gruppe
  • Ausrüstung
  • Technik und Kondition

2. Beurteilung vor Ort

Laufend beobachten während des ganzen Tages.

  • Stimmen die Verhältnisse mit der Tourenplanung überein?
  • Alarmzeichen suchen
  • Muster typischer Lawinensituationen?
  • kritische Neuschneemenge?
  • Frischer Triebschnee?
  • Allg. Schneeverhältnisse (Schneemenge, Schneedeckenaufbau)?
  • Wetter (aktuell und Tendenz)
  • Entspricht das Gelände den Vorstellungen?
  • Einblick in Schlüsselstellen möglich?
  • Routenverlauf und mögliche Alternativen
  • Vorhandene Spuren im Gelände?
  • LVS-Kontrolle
  • Material überprüfen
  • Wer ist in der Gruppe?
  • Wie ist mein Befinden und das der Gruppenmitglieder?
  • Zeitplan
  • Wahrnehmungsfallen
  • Andere Gruppen

3. Einzelhang

Finale Risikoüberlegungen, Spuranlage, Vorsichtsmassnahmen oder Verzicht.

  • Lawinenproblem im Hang (Muster)?
  • Neuschnee
  • Triebschnee
  • Schneedeckenaufbau
  • Sonneneinstrahlung
  • Sicht
  • häufig befahren
  • Steilheit (wo am flachsten?
  • Exposition und Höhenlage (günstig / ungünstig)
  • Geländeform
  • Konsequenzen bei Lawinenauslösung (Grösse, Absturz, Felsen, Bäume, Verschüttung)
  • Spuranlage
  • Leistungszustand optimal?
  • Fakten versus Gefühle
  • Taktik (Abstände, einzeln fahren, anhalten auf "sicheren Inseln", Korridor)
  • Kommunikation
  • Führung
  • Disziplin

Abb. 2: Kurzfassung der 3x3-Regel. Quelle:  © WhiteRisk.

3. Lawinenbulletin in der 3x3-Regel

Die Kunst liegt nun darin zu jedem Zeitpunkt die richtigen Informationen zum richtigen Zweck zu verwenden. Dies gilt für alle Informations-Elemente, die in die Beurteilung einfliessen aber in ganz besonderem Ausmasse für das Lawinenbulletin. Das Lawinenbulletin trägt zwei in seiner Form unterschiedliche Informationen:

  1. Gefahrengebiete und Kernzone: An vorderster Front stehen die Gefahrengebiete mit der jeweils spezifizierten Gefahrenstufe und Kernzone. Diese Information wird in Form einer Karte mit eingebetteten Piktogrammen dargestellt.
  2. Begleittext: Der Begleittext liegt für jedes Gefahrengebiet vor. Im entsprechende Abschnitt werden folgende Themen behandelt: Schneedecke, Spezielle Gefahrenstellen, Auslösbarkeit und zu erwartende Lawinen.

Welche dieser Informationen in welchem Stadium wie genutzt wird, stellt hohe Ansprüche an die Schneesportler. Eine gute Einführung gibt die Interpretations-Hilfe des SLF. Ansonsten muss auf die Literatur zur Lawinenkunde verwiesen werden. Wichtig an dieser Stelle ist, dass zu jeder Phase jeweils andere Informations-Elemente aus dem Lawinenbulletin ins Zentrum rücken. Zu Beginn der Phase 1 mögen zwar die Gefahrengebiete / Kernzonen im Zentrum stehen, sobald aber eine Kandidatenliste zu möglichen Skitouren erstellt wurde, müssen die Begleittexte in die Gesamtbeurteilung mit einfliessen. Während der Phase 2 und 3 besteht die Möglichkeit durch die Erfassung zusätzlicher Informationen ein genaueres Bild zu den Verhältnissen zu gewinnen. Während diesen Phasen besteht die Herausforderung gewissermassen darin, das Lawinenbulletin für jeden Einzelhang neu abzugleichen. Wie welche Information in welcher Phase gewichtet werden muss, stellt hohe Ansprüche an den Schneesportler, wobei die Komplexität mit Fortschreiten der Tour ansteigt (grüne Linie in Abb. 1).

4. Skitourenguru in der 3x3-Regel

Als Planungstool ist der Skitourenguru in der Phase 1 zu Hause, in Phase 2 und 3 hat der Skitourenguru nichts verloren. Genau genommen bietet Skitourenguru für die Phase 1 Hilfestellung, indem eine "Kandidatenliste hoher Güte" zusammengestellt wird. Mit Hilfe dieser Kandidatenliste kann dann die Phase 1 beginnen.

Wie andernorts erläutert, entnimmt Skitourenguru dem Lawinenbulletin lediglich die Gefahrenstufe und Kernzone. Die Begleittexte werden nur benutzt, um die Gefahrenstufe feiner zu skalieren. Um eine Risiko-Kalkulation vorzunehmen, muss Skitourenguru diese Daten anschliessend auf den Einzelhang applizieren. Damit stellt sich ein grundsätzliches Problem:

Ist es wirklich zulässig ein Lawinenbulletin, das relativ unsicher und stark generalisiert ist, auf einen Einzelhang anzuwenden? Alles hängt vom Zweck ab. Wenn es darum ginge eine Prognose über diesen Einzelhang abzugeben, dann muss diese Frage verneint werden! Bei Skitourenguru geht es aber um einen ganz anderen Zweck. Es geht darum eine probabilistische Aussage für eine Lawinenauslösung am Einzelpunkt zu machen und diese über eine ganze Route aufzusummieren. Der Zweck liegt nicht darin eine Lawinenauslösung zu prognostizieren, sondern er liegt darin einen Satz von vielen Skitouren miteinander in Relation (d.h. in eine Reihenfolge) zu bringen. Zu diesem Zweck darf, ja muss das Lawinenbulletin auf den Einzelhang angewandt werden. Mehr zum Thema kannst du im Artikel Thomas Bayes geht auf Skitour nachlesen.

Dem Lawinenbulletin muss das unbezahlbare Verdienst zu gute gehalten werden, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt zur Verfügung zu stehen. Am Vortag ist die Vielfalt an Handlungsoptionen immer noch gross. Es wäre fahrlässig das Lawinenbulletin nicht zur rationalen Routen-Selektion zu verwenden. Die Suche nach schwachen, frühen Gefahrenzeichen macht nur Sinn, wenn diese dann auch zweckdienlich verwendet werden. Die Nutzung des Lawinenbulletins darf sich nun natürlich nicht im Skitourenguru erschöpfen. Sobald eine Kandidatenliste zu möglichen Skitouren erstellt ist, müssen diese wie bisher minutiös geplant werden.